»Wunderbarste D.«
Michael Kumpfmüllers Roman Die Herrlichkeit des Lebens erzählt die tragisch-schöne Liebesgeschichte Franz Kafkas und Dora Diamants
von Wilko Steffens
In Franz Kafkas literarischem Universum sind es häufig kindliche Gestalten, denen die männlichen Figuren verfallen und von denen sie sich Hilfe auf ihrem Weg versprechen, seltsame Zwitterwesen, nicht mehr Mädchen, noch nicht Frau. So ergeht es Josef K. im Proceß mit der Advokatengehilfin Leni, so ergeht es dem Landvermesser K. im Schloß erst mit dem Ausschankmädchen Frieda, später mit ihrer Nachfolgerin Pepi. Wie so oft im Falle Kafkas scheint auch in seinem letzten Jahr das Leben die Literatur nachzuahmen. Als er am 6. Juli 1923 in Müritz bei seiner Schwester Elli ankommt, sich, wie es in einem Brief heißt, »nach vielen Jahren der Bettlägerigkeit und der Kopfschmerzen zu einer kleinen Reise nach der Ostsee erhoben« hat, ist es die erst 17jährige Tile Rössler, die ihn bezirzt und in die Gesellschaft einführt, in der er die letzte große Liebe seines Lebens kennenlernen wird, die ebenfalls 15 Jahre jüngere Dora Diamant.
Aus dieser biographischen Ausgangslage nun hat der Döblin-Preisträger Michael Kumpfmüller mit Die Herrlichkeit des Lebens einen ebenso ungewöhnlichen wie zartfühlenden Roman gestrickt. Es geht um die Liebe zwischen dem Westjuden Franz Kafka und der Ostjüdin Dora Diamant und ihren gemeinsamen Kampf gegen Tuberkulose, den Einfluss der Eltern und nicht zuletzt die Hyperinflation in Berlin.
Die große Stärke des Textes ist zweifelsohne seine sehr klare, bisweilen ruhelose Sprache, die in ihrer schlichten Direktheit an Kafkas eigene Prosa erinnert. In nahtlos eingefügten Zitaten kommt er auch immer wieder selbst zu Wort, wodurch der Roman eine ganz eigene Authentizität gewinnt. Kumpfmüllers unprätentiösem Stil, seiner minutiösen Beobachtungsgabe ist es geschuldet, dass man als Leser den Figuren wirklich nahe kommt, Kafka als todkranken und doch des Glückes fähigen Menschen, nicht als monolithischen Mythos kennenlernt. Er bewahrt das sehr eindrucksvolle letzte Kapitel mit seinem unausweichlichen und tragischen Ende vor jeglichem Kitsch.
Wie sehr der Autor in der literarischen und biographischen Welt Kafkas zu Hause ist, wird auch an seiner Bildsprache deutlich, die insbesondere in den Schreibszenen den wissenschaftlich geschulten Blick erkennen lässt; »doch an jenem Abend schrieb und schrieb er, richtig mit Hammer und Meißel, hatte sie das Gefühl, als wäre das Papier aus Stein, etwas, das sich nicht gerne fügt, aber endlich doch, und dann sah es beinahe leicht aus, nicht nur wie eine Qual, als würde er schwimmen, weit draußen vor der Küste, dachte sie, und immer weiter fort ins offene Meer.« Eingraben und Schwimmen gehören zu demjenigen Feld an Metaphern, in welchem Kafka die Folter und Erlösung seines Schreibens wohl am häufigsten reflektiert hat.
Doch erzählt der Roman nicht nur die vorzüglich auf- und bearbeitete letzte Liebesgeschichte eines der wirkungsmächtigsten Schriftsteller der klassischen Moderne, er ist zugleich das freilich fiktional stilisierte Portrait einer außergewöhnlichen Frau, über die vergleichsweise wenig bekannt ist. Dora Diamant, geboren am 4. März 1898 in der Nähe von Łódź, stammte aus einer orthodoxen jüdischen Familie und schaffte es dennoch, sich aus dieser für sie beengenden Umgebung zu befreien. Sie schloss sich der zionistischen Bewegung an und zog nach Berlin, wo sie ab 1920 im ›Jüdischen Volksheim‹ arbeitete. Damit repräsentierte sie einen Typus, der Kafka, Zeit seines Lebens fasziniert vom Ostjudentum, gleichzeitig als assimilierter Westjude von den alten Bräuchen abgeschnitten, geradezu unglaublich erscheinen musste. Schließlich war sie in beiden Welten, Zionismus wie Chassidismus, zu Hause, während er sich stets darüber beklagte, zwischen Tradition und Assimilation heimatlos geworden zu sein.
Dass wir über Diamant in der Regel weniger wissen als über Kafkas frühere Geliebte, ist im Wesentlichen der Quellenlage geschuldet. Während er in den Briefen an Felice Bauer und Milena Jesenská, bei Kumpfmüller schlicht F. und M. genannt, seine eigenen Romanzen minutiös seziert, ist der Schriftverkehr zwischen ihm und Dora Diamant nicht erhalten und öffnet der Imagination damit Tür und Tor. Sicher scheint nur: Ihr unverbrüchlicher Optimismus, ihre Einsatzbereitschaft, ihr Altruismus und ihre bedingungslose Liebe haben seine Furcht vor einer körperlichen Beziehung überwunden, haben die ehemals stets auf Distanz gehaltenen Schrift-Geliebten verdrängt. Es ist eben überall »Dora-Land«, wie es im Text heißt, der dafür auch folgendes Bild findet: »Er schaut nicht mehr nur nach innen, hat er den Eindruck, wie nach einer leichten Drehung des Kopfes, als habe sich allen Ernstes etwas verändert, so erstaunlich das ist. Als hätte er immer nur den Kopf drehen müssen, und mit einem Mal schaut er nach draußen, wo Dora ist und die Erfahrung der Gemeinschaft, die er mit ihr verknüpft.«
Dem Buch gelingt somit ein äußerst seltener Spagat. Es ist hervorragend recherchiert und zugleich sehr einfühlsam geschrieben, so dass der Leser tatsächlich das Paar Kafka/Diamant kennenzulernen glaubt. Sicherlich, Kumpfmüllers Kafka ist eine fiktive Figur, doch das ist der Kafka aus den Tagebüchern und Briefen bisweilen auch. Vielleicht ist es gerade diese Spannung zwischen Realität und Fiktion, die Die Herrlichkeit des Lebens trotz der Allgegenwärtigkeit des Todes so herrlich lebendig wirken lässt; »man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten«, heißt es schließlich schon im Proceß.
Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens, Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2011.
ISBN: 978-3-462-04326-6
239 Seiten