Ausflug nach Kafkanien
Das neue Kafka Handbuch des Metzler-Verlags beleuchtet vor allem Leben und Werk des rätselhaften Autors
von Wilko Steffens
Das literarische Vermächtnis Franz Kafkas gehört sicherlich zu den enigmatischsten Erzeugnissen der Weltliteratur, was nicht zuletzt auf die Textdialektik von Interpretationsprovokation bei gleichzeitiger -verweigerung zurückzuführen ist, welche Adorno zur Aussage veranlasste: »Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.«
So rätselhaft wie seine Texte erschien auch Franz Kafka als Person: Ein zur (scheinbar) gleichförmigen Arbeit als Jurist verdammter, dabei aber zu literarischen Höhenflügen berufener Beamter Prags, überdies kulturell wurzelloser ›Westjude‹ im Machtkampf zwischen Deutschen und Tschechen. Zu Lebzeiten veröffentlichte er nur vereinzelte, zumeist kürzere Texte und auch diese, so die an seinen Freund Max Brod gerichtete Verfügung, wollte er nach seinem Tode möglichst vollständig vernichtet wissen.
Brod, der das literarische Genie Kafkas schon früh erkannte und entsprechend zu fördern versuchte, kam dieser Aufforderung bekanntermaßen nicht nach und begründete mit der Herausgabe der gesammelten Werke eine bis heute anhaltende Kafka-Rezeption. Gerade die Vielschichtigkeit und Uneindeutigkeit der Schriften, ihr bisweilen allusiver Charakter, führte in der Folge zu einer kaum noch überschaubaren Forschungslage, reklamierten ihn doch die unterschiedlichsten Richtungen für sich.
Dementsprechend ist es zu begrüßen, dass sich der Metzler-Verlag zur Herausgabe eines neuen Kafka-Handbuchs entschieden hat, das seiner Aufgabe – Nutzbarkeit als Nachschlagewerk bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Forschungspluralität – auf beeindruckende Weise gerecht wird. Dabei geht es den beteiligten Wissenschaftlern in den Artikeln zunächst um eine objektive Bestandsaufnahme der Entstehungsgeschichte und der thematischen sowie formalen Aspekte der jeweils behandelten Texte, die im Anschluss an einen Forschungsüberblick fortschreitet zu notwendigerweise subjektiven Analysen des jeweiligen Verfassers.
Das Buch gliedert sich in vier Großkapitel, die mitsamt ihren Unterpunkten von ausgewiesenen Spezialisten verfasst wurden. Einem knappen aber aufschlussreichen Abriss von Leben und Persönlichkeit Kafkas folgt ein etwas umfangreicheres zweites Kapitel, das sich mit Einflüssen und Kontexten auseinandersetzt. Das dritte Kapitel bildet schließlich den Schwerpunkt des Bandes, indem es sich ausführlich den Dichtungen und Schriften verpflichtet weiß. Die Besonderheit dieses Abschnittes liegt in der chronologischen Berücksichtigung der Text-Genese: So wird das Werk Kafkas in drei Phasen – früh, mittel und spät – eingeteilt, um, wie es im Vorwort heißt, dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Kafka »alles andere als ein monolithischer Autor« gewesen sei.
Das abschließende Kapitel beschäftigt sich schließlich mit den Strukturen, Schreibweisen und Themen Kafkas. Besonders hervorzuheben wären hier die Beobachtungen zum Schaffensprozess, die versuchen, aus dem klassischen aber gleichsam einseitigen Modell psychoanalytischer Erklärungsversuche auszubrechen, indem sie vor allem »materiale, soziale und mentale Dimensionen des Schreibprozesses berücksichtigen.«
Sehr angenehm ist, dass die Beiträge den altbewährten Strategien der Kafka-Rezeption nicht blindlings verfallen, sondern sich teilweise sehr kritisch mit ihnen auseinandersetzen. So hält Manfred Engel in seinem Process-Artikel fest, dass es Kafka entgegen der weitverbreiteten Forschungsmeinung auch um das abgeschlossene Werk ging, nicht bloß um den Schreibprozess als solchen. Diese Behauptung wird mit Hilfe der paradigmatischen Textstruktur erklärt, die weniger auf die »Bildung erzählerischer Syntagmen« abzielt als vielmehr auf paradigmatische Bezüge, die sich auf Basis von konstanten Verhaltensmustern Josef K.s entfalten. Verwirrend ist allerdings, dass ausgerechnet im Kapitel über Kafkas Schaffensprozess das traditionelle poetologische Verständnis wieder aufgegriffen wird, wenn es über seine »Schreibpraxis« heißt, dass »vor allem die Konzentration auf den Augenblick des Schaffens signifikant« sei. Diese führe »zu einer neuen Art des Produzierens, bei der keine Kontrolle über das Ergebnis des Schreibens angestrebt wird.«
Über das Explizierte hinaus weist Engel darauf hin, dass es im Process nicht um den Aufeinanderprall von zwei Ebenen, Josef K.s Alltagswelt und der Welt des Gerichts, geht. Vielmehr werden drei Welten vorgeführt, da diejenige des obersten Gerichts als eigener Raum untersucht werden muss, der sowohl K. als auch den im Roman vorgestellten Gesetzesvertretern unerreichbar ist. Gleiches, dies sei hier nur angefügt, lässt sich unschwer am Schloß beobachten.
Interessante Einblicke in das Verhältnis Kafkas zur Psychologie gewährt der Artikel Dirk Oschmanns zu dessen Status als Erzähler, der die narrative Reduktion Kafkas auf äußere Vorgänge mit seinen Vorbehalten gegen die Psychologie überzeugend erklärt. Hier ließe sich in Analogie zum Kapitel über den Schaffensprozess die Frage nach der Adäquatheit psychoanalytischer Interpretationsversuche stellen, die in der Kafka-Forschung ja immer noch weitverbreitet sind.
Abgerundet wird das Handbuch von einem umfassenden Anhang, der nicht nur die verschiedenen Kafka-Ausgaben versammelt, sondern darüber hinaus einen Überblick über die wichtigsten Internetadressen bereitstellt, der ergänzt wird durch ein umfangreichen Literaturverzeichnis.
Etwas unglücklich gewählt ist in diesem Fall allerdings der traditionelle Untertitel der Metzler-Handbücher: Leben – Werk – Wirkung, denn die letzte Komponente wird nicht berücksichtigt. Dies ist auf der einen Seite geschickt, umschifft man so doch das nahezu unmögliche Unterfangen, die Wirkungsgeschichte Kafkas der Übersichtlichkeit eines Handbuchs anzupassen. Auf der anderen Seite wirkt der Titel diesbezüglich selbstverständlich etwas irreführend, wenn er im Vorwort auch begründet wird. Dieser Kritikpunkt schmälert jedoch nicht den in vielerlei Hinsicht vorbildlichen Gesamteindruck des Handbuchs, das sicherlich zum Standardwerk der Forschung avancieren wird.
Kafka Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Manfred Engel, Bernd Auerochs, Stuttgart 2010.
ISBN: 978-3-476-02167-0
561 Seiten
49,95 EUR.