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Kafka Handbuch 2010
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Ausflug nach Kafkanien

 

Das neue Kafka Handbuch des Metzler-Verlags beleuchtet vor allem Leben und Werk des rätselhaften Autors

 

von Wilko Steffens


 

Das literarische Vermächtnis Franz Kafkas gehört sicherlich zu den enigmatischsten Erzeugnissen der Weltliteratur, was nicht zuletzt auf die Textdialektik von Interpretationsprovokation bei gleich­zeitiger -verweigerung zurückzuführen ist, welche Adorno zur Aussage veranlasste: »Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.«

 

So rätselhaft wie seine Texte erschien auch Franz Kafka als Person: Ein zur (scheinbar) gleichför­migen Arbeit als Jurist verdammter, dabei aber zu literarischen Höhenflügen berufener Beamter Prags, überdies kulturell wurzelloser ›Westjude‹ im Machtkampf zwischen Deutschen und Tsche­chen. Zu Lebzeiten veröffentlichte er nur vereinzelte, zumeist kürzere Texte und auch diese, so die an seinen Freund Max Brod gerichtete Verfügung, wollte er nach seinem Tode möglichst vollstän­dig vernichtet wissen.

 

Brod, der das literarische Genie Kafkas schon früh erkannte und entsprechend zu fördern versuchte, kam dieser Aufforderung bekanntermaßen nicht nach und begründete mit der Herausgabe der ge­sammelten Werke eine bis heute anhaltende Kafka-Rezeption. Gerade die Vielschichtigkeit und Un­eindeutigkeit der Schriften, ihr bisweilen allusiver Charakter, führte in der Folge zu einer kaum noch überschaubaren Forschungslage, reklamierten ihn doch die unterschiedlichsten Richtungen für sich.

 

Dementsprechend ist es zu begrüßen, dass sich der Metzler-Verlag zur Herausgabe eines neuen Kaf­ka-Handbuchs entschieden hat, das seiner Aufgabe – Nutzbarkeit als Nachschlagewerk bei gleich­zeitiger Berücksichtigung der Forschungspluralität – auf beeindruckende Weise gerecht wird. Dabei geht es den beteiligten Wissenschaftlern in den Artikeln zunächst um eine objektive Bestandsauf­nahme der Entstehungsgeschichte und der thematischen sowie formalen Aspekte der jeweils behan­delten Texte, die im Anschluss an einen Forschungsüberblick fortschreitet zu notwendigerweise subjektiven Analysen des jeweiligen Verfassers.

 

Das Buch gliedert sich in vier Großkapitel, die mitsamt ihren Unterpunkten von ausgewiesenen Spezialisten verfasst wurden. Einem knappen aber aufschlussreichen Abriss von Leben und Persön­lichkeit Kafkas folgt ein etwas umfangreicheres zweites Kapitel, das sich mit Einflüssen und Kon­texten auseinandersetzt. Das dritte Kapitel bildet schließlich den Schwerpunkt des Bandes, indem es sich ausführlich den Dichtungen und Schriften verpflichtet weiß. Die Besonderheit dieses Abschnit­tes liegt in der chronologischen Berücksichtigung der Text-Genese: So wird das Werk Kafkas in drei Phasen – früh, mittel und spät – eingeteilt, um, wie es im Vorwort heißt, dem Umstand Rech­nung zu tragen, dass Kafka »alles andere als ein monolithischer Autor« gewesen sei.

Das abschließende Kapitel beschäftigt sich schließlich mit den Strukturen, Schreibweisen und The­men Kafkas. Besonders hervorzuheben wären hier die Beobachtungen zum Schaffensprozess, die versuchen, aus dem klassischen aber gleichsam einseitigen Modell psychoanalytischer Erklärungs­versuche auszubrechen, indem sie vor allem »materiale, soziale und mentale Dimensionen des Schreibprozesses berücksichtigen.«

 

Sehr angenehm ist, dass die Beiträge den altbewährten Strategien der Kafka-Rezeption nicht blind­lings verfallen, sondern sich teilweise sehr kritisch mit ihnen auseinandersetzen. So hält Manfred Engel in seinem Process-Artikel fest, dass es Kafka entgegen der weitverbreiteten Forschungsmei­nung auch um das abgeschlossene Werk ging, nicht bloß um den Schreibprozess als solchen. Diese Behauptung wird mit Hilfe der paradigmatischen Textstruktur erklärt, die weniger auf die »Bildung erzählerischer Syntagmen« abzielt als vielmehr auf paradigmatische Bezüge, die sich auf Basis von konstanten Verhaltensmustern Josef K.s entfalten. Verwirrend ist allerdings, dass ausgerechnet im Kapitel über Kafkas Schaffensprozess das traditionelle poetologische Verständnis wieder aufgegrif­fen wird, wenn es über seine »Schreibpraxis« heißt, dass »vor allem die Konzentration auf den Au­genblick des Schaffens signifikant« sei. Diese führe »zu einer neuen Art des Produzierens, bei der keine Kontrolle über das Ergebnis des Schreibens angestrebt wird.«

Über das Explizierte hinaus weist Engel darauf hin, dass es im Process nicht um den Aufeinander­prall von zwei Ebenen, Josef K.s Alltagswelt und der Welt des Gerichts, geht. Vielmehr werden drei Welten vorgeführt, da diejenige des obersten Gerichts als eigener Raum untersucht werden muss, der sowohl K. als auch den im Roman vorgestellten Gesetzesvertretern unerreichbar ist. Gleiches, dies sei hier nur angefügt, lässt sich unschwer am Schloß beobachten.

 

Interessante Einblicke in das Verhältnis Kafkas zur Psychologie gewährt der Artikel Dirk Osch­manns zu dessen Status als Erzähler, der die narrative Reduktion Kafkas auf äußere Vorgänge mit seinen Vorbehalten gegen die Psychologie überzeugend erklärt. Hier ließe sich in Analogie zum Ka­pitel über den Schaffensprozess die Frage nach der Adäquatheit psychoanalytischer Interpretations­versuche stellen, die in der Kafka-Forschung ja immer noch weitverbreitet sind.

 

Abgerundet wird das Handbuch von einem umfassenden Anhang, der nicht nur die verschiedenen Kafka-Ausgaben versammelt, sondern darüber hinaus einen Überblick über die wichtigsten Inter­netadressen bereitstellt, der ergänzt wird durch ein umfangreichen Literaturverzeichnis.

 

Etwas unglücklich gewählt ist in diesem Fall allerdings der traditionelle Untertitel der Metzler-Handbücher: Leben – Werk – Wirkung, denn die letzte Komponente wird nicht berücksichtigt. Dies ist auf der einen Seite geschickt, umschifft man so doch das nahezu unmögliche Unterfangen, die Wirkungsgeschichte Kafkas der Übersichtlichkeit eines Handbuchs anzupassen. Auf der anderen Seite wirkt der Titel diesbezüglich selbstverständlich etwas irreführend, wenn er im Vorwort auch begründet wird. Dieser Kritikpunkt schmälert jedoch nicht den in vielerlei Hinsicht vorbildlichen Gesamteindruck des Handbuchs, das sicherlich zum Standardwerk der Forschung avancieren wird.


 

 

Kafka Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Manfred Engel, Bernd Auerochs, Stuttgart 2010.

ISBN: 978-3-476-02167-0

561 Seiten

49,95 EUR.

DKG - Postfach 1102 - D-53001 Bonn | chmura@kafka-gesellschaft.de